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100. Geburtstag Landwirtschaftschule Brakel und "Verein für landwirtschaftliche Fachbildung" im Kreises Höxter - Festvortrag von Dr. Arwed Blomeyer

Der Vortrag von Dr. Arwed Blomeyer, anlässlich der 100. Jahresfeier am 09.01.2010 in Brakel.



1.      Die ersten Landwirtschaftsschulen in der Provinz Westfalen.

2.      Die Landwirtschaftsschule in Brakel
2.1    Von den Anfängen bis zum Ende des 2. Weltkrieges 1908 - 1945
2.2    Die Blütezeit der Landwirtschaftschule 1948 - 1965
2.3.   Die hauswirtschaftliche Abteilung in der Landwirtschaftsschule 1931 - 1971
2.4.   Die wechselvollen Jahre der Landwirtschaftsschule 1965 - 1996
2.5.   Die Erweiterung zur Höheren Landbauschule 1983 – 1996


3.      Der Verein ehemaliger Landwirtschaftschüler und seine Nachfolgeorganisationen als
         Bindeglied der Schule zur Berufs- und Lebenspraxis
3.1    Verein ehemaliger Landwirtschaftschüler 1910 - 1933
3.2    Die Wiederaufnahme des Vereinslebens 1947 - 1971
3.3    Die neuen Ziele des Verbandes und des Vereins ab 1971

1.  Die ersten Landwirtschaftsschulen in der Provinz Westfalen.
Die Landwirtschaft begann ihren Wandlungsprozess in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Fortschritte in der Produktionstechnik und der betriebswirtschaftlichen Analyse, die nicht mehr allein auf praktischer Lebenserfahrung, sondern auch auf wissenschaftlich erarbeiteten Grundlagen beruhten, veränderten die bisherige Wirtschaftsweise auf den bäuerlichen Betrieben.
Es setzte sich die Erkenntnis durch, dass die praktischen Fähigkeiten des jungen Landwirtes durch theoretisches Wissen ergänzt werden müssen. Darüber hinaus bestand auch ein Verlangen, das Grundwissen zu ergänzen, um die Allgemeinbildung zu fördern.
Damit schlug die Geburtsstunde der Landwirtschaftsschulen. Die vornehmlich durch mittel- und kleinbäuerliche Betriebe gekennzeichnete Landwirtschaft der ehemaligen Provinz Westfalen entschied sich für die sogenannten Winterschulen, in denen Unterricht jeweils von Oktober bis März erteilt wurde, während in den arbeitsreichen Sommermonaten die Bauernsöhne auf den elterlichen Betrieben mitarbeiten konnten.
In Westfalen entstanden die ersten Schulen dieser Art 1880 in Eslohe und Elspe im Sauerland. Im Hochstift Paderborn - sicherlich angeregt durch die Erfolge der Schulgründung im benachbarten Sauerland - wurde als erste die Landwirtschaftsschule in Warburg im Jahre 1885 gegründet. Entsprechend der zentralen Rolle der katholischen Kirche in dieser Region zu jener Zeit, gingen die Anregungen für die Errichtung einer solchen Schule von der örtlichen Geistlichkeit aus, wie z. B. durch Kaplan Krekeler in Warburg. Die geistlichen Initiatoren beschränkten sich jedoch nicht nur auf die Förderung dieses Fachschultyps, sondern leisteten tatkräftige Mithilfe, indem sie Unterricht in den allgemeinbildenden Fächern Mathematik, Deutsch und Religion gaben.
Bereits vor der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert besuchten zahlreiche Bauernsöhne aus dem Altkreis Höxter die Landwirtschaftsschule in Warburg. Nach den Berichten des Kreissausschusses Höxter hatten bis 1907 insgesamt 188 Schüler am Unterricht der Schule in Warburg teilgenommen.
Die Teilnahme der Höxteraner Landwirtschaftsschüler am Unterricht in Warburg war nicht umsonst. Der Verwaltungsbericht des Kreises Höxter weist für das Jahr 1898/99 einen Betrag von 100 Mark aus, der für jeden Schüler zu zahlen war. Entsprechend der ländlichen Struktur und damit der besonderen Bedeutung der Landwirtschaft zwischen Egge und Weser mehrten sich die Stimmen - auch aus dem kommunalpolitischen Bereich-, die eine eigene Landwirtschaftsschule für den damaligen Kreis Höxter forderten.

2. Die Landwirtschaftsschule in Brakel

2.1 Von den Anfängen bis zum Ende des 2. Weltkrieges 1908 - 1945
Am 06. März 1907 wurde der Kreistagsbeschluss einstimmig gefasst, eine landwirtschaftliche Winterschule als Kreisanstalt einzurichten. Als Schulstandort wurde Brakel gewählt. Damit wurden weitsichtige schulpolitische Akzente gesetzt, die Brakel zum Zentrum des Kreises Höxter für berufliche Fachschulen bis auf den heutigen Tag werden ließen.
Am 3. November 1908 wurde die Einweihung der neuen landwirtschaftlichen Winterschule gefeiert. Im Laufe der ersten 30 Jahre wurden die Aktivitäten der Landwirtschaftsschule durch die Einrichtung einer Berufsschulklasse für Gärtner im Jahre 1929 und einer Mädchen-Abteilung für ländliche Hauswirtschaft im Jahre 1931 erweitert.
Bereits am Ende des Winterlehrganges 1909/10 wurde der Verein ehemaliger Landwirtschaftsschüler gegründet, um eine fachliche Weiterbildung, aber auch eine gesellschaftliche Bindung zu ermöglichen. Im dritten Teil des Vortrages wird darauf gesondert eingegangen.
Zwangsläufig ergaben sich aus dem Kreistagsbeschluss vom 06. März 1907 Probleme in der Beschaffung geeigneter Klassenräume. Das im Jahre 1907/08 mit einem Kostenaufwand von 30.000 Reichsmark durch den Brakeler Architekten Didden errichtete Schulgebäude reichte nicht mehr aus. Schon die neue Mädchen Abteilung bezog 1931 ein im Schulhof neu erstelltes Gebäude. Anneliese Fleischhauer übernahm die Leitung der Mädchenabteilung und erteilte gemeinsam mit einer Reihe weiblicher Lehrkräfte Unterricht in den verschiedenen Fächern der Hauswirtschaft. Zahlreiche Fachlehrerinnen unterrichteten nur ein, höchstens zwei Sommer- bzw. ab 1935 in den Winterhalbjahren. Agnes Ewringmann war die einzige weibliche Lehrkraft, die in Brakel vor dem Kriege über mehr als ein Winterhalbjahr hauswirtschaftlichen Unterricht erteilte. Mit zunehmender Schüler- und Schülerinnenzahlen in den Jahren 1933 bis 1936 wurde die Enge der Räumlichkeiten immer augenscheinlicher, so dass der Kreis 1937 das Anwesen „Am Gänseanger 5“ kaufte und darin die Geschäftsräume und eine Dienstwohnung einrichtete..
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Bild: Quelle: Westfalenblatt

2.2 Die Blütezeit der Landwirtschaftschule 1948 - 1965
Die großen Schülerzahlen der Nachkriegszeit ließen erneut die vorhandenen Räumlichkeiten zu eng werden, so dass die Dienstwohnung behelfsmäßig für Klassen-, Werk- und Büroräume umgebaut wurde. Der wirtschaftliche Aufschwung in der Bundesrepublik Deutschland der 50er Jahre bei gleichbleibenden hohen Schülerzahlen in der Landwirtschaftsschule veranlasste den damaligen Kreis Höxter, den schon lang gehegten Plan des Erweiterungsbaus in die Tat umzusetzen. In jenen Jahren, in denen auch die Kommunal- und Kreisverwaltungen noch über ein beträchtliches Finanzpolster verfügten, fiel es dem Kreistag unter der Führung von Landrat Weskamp und Oberkreisdirektor Buß nicht schwer, rechtzeitig einen entsprechenden Beschluss des Kreistages herbeizuführen, damit anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Schule der Erweiterungsbau eingeweiht werden konnte. Auf den Tag genau am 4. November 1958 konnten die landwirtschaftliche und die hauswirtschaftliche Abteilung in den neuen Räumen den Unterricht aufnehmen. Die festliche Einweihung der Räumlichkeiten wurde am Dreikönigstag 1959 begangen.
Zum Zeitpunkt dieses letzten schulischen Höhepunktes für die Landwirtschaft im Kreise Höxter waren die ersten Vorboten der strukturellen Umwandlung im Agrarbereich erkennbar. Keiner der unmittelbar Betroffenen, ob aus Praxis, Beratung oder Schule, konnte das Ausmaß der Schnelligkeit dieses Wandlungsprozesses erahnen.
Mit dem Beginn der Motorisierung - auch in den mittelbäuerlichen Betrieben - und der immer deutlicher werdenden Diskrepanz der vergleichbaren Einkommen zwischen der Landwirtschaft und der übrigen Wirtschaft wurde das Ausscheiden von Arbeitskräften aus der Landwirtschaft beschleunigt. Die bundesweit geführte Statistik über das Ausscheiden von Arbeitskräften aus der Landwirtschaft liegt seit dieser Zeit schwankend bei 2,5 - 3,5 % jährlich. In dieser Zahl ist auch der Wechsel aus dem Haupterwerb in den Nebenerwerb enthalten.
Von dieser Umstrukturierung und dem Abwandern vieler Betriebsleiter und Arbeitnehmer in andere Berufe wurde auch gezwungenermaßen die junge Generation in ihren beruflichen Zukunftsperspektiven erfasst.

2.3. Die hauswirtschaftliche Abteilung in der Landwirtschaftsschule 1931 - 1971
Dies bekam zuerst die hauswirtschaftliche Abteilung in der Landwirtschaftsschule in Brakel zu spüren, als das Interesse der Bauerntöchter und anderer weiblicher Berufsanfänger im ländlichen Raum an einer hauswirtschaftlichen Fachschulausbildung deutlich zurückging.
Erst im Jahre 1931 eingerichtet, hatte sie nur 40 Jahre Bestand und musste bereits 1971 geschlossen werden. Erste Leiterin war bis zu ihrer Pensionierung im Jahre 1966 Frau Anneliese Fleischhauer. Es war für sie gewiss nicht leicht, mit einem stetigen Personalwechsel den geordneten Unterrichtsbetrieb aufrechtzuerhalten. Ab 1945 konnte sie jedoch mit Agnes Roessel (1949-1975), der Tochter des ersten Direktors der Landwirtschaftschule, Thea Kuhlmeyer (1946 - 1949), Ursula Böger (1950 - 1957) und Martha Goebel (1958 -1964) eine kontinuierliche Unterrichtsarbeit leisten.
Nach Frau Fleischhauers Pensionierung übernahm Frau Wilhelmine Müller-Raulf die Leitung der hauswirtschaftlichen Abteilung und des Unterrichtes in der Mädchenklasse.
Zunächst fanden nur Sommerlehrgänge und einige Wanderlehrgänge in den Dörfern statt. Ab Mitte der 30er Jahre wurde der Unterricht parallel zu der Landwirtschaftsschule als Winterschule angeboten. In den Jahren 1940 - 1950 wurden aufgrund der großen Nachfrage die Schülerinnen in Sommer- und Winterlehrgängen ausgebildet. In den 50er Jahren, die noch steigende Schülerzahlen verzeichnen konnten, erwiesen sich die vorhandenen Räumlichkeiten bald als zu klein. So musste das Gebäude abgerissen werden und die Mädchenabteilung zog 1957 in die neu geschaffenen Räume in der Landwirtschaftsschule ein. Von nun an stand für den Unterricht eine nach damaligen Erkenntnissen modern eingerichtete Lehrküche zur Verfügung.
Angeschlossen war ein Internat für 10 bis 15 Mädchen. Ein Gesellschaftsraum im Bereich dieses Internats und eine an die Küche angeschlossener wohnlich eingerichteter Essraum sollten dem Ziel der Erziehung zur Gemeinschaft förderlich sein.
In ihren Erinnerungen schreibt Gertrud Tilly, geb. Menne, aus Brakel, zu ihrem Schulbesuch im Winterhalbjahr 1960/61 über ihre Schulfächer. Sie bestanden aus Bürgerkunde, Gesundheitslehre, Ernährungslehre, Wohnungsgestalten, Viehhaltung, Gartenbau und Religion. Als praktischer Unterricht wurden Kochen, Handarbeit und Werken gegeben. Mit 23 Mitschülerinnen erhielten sie Unterricht durch Frau Fleischhauer, Frau Roessel, Frau Goebel und Herrn Dr. Lindgen. Wenngleich unterschiedliche Schulanfangs- und Pausenzeiten ein stetes Aufeinandertreffen der Schülerinnen und Schüler der Landwirtschaft und Hauswirtschaft verhindern sollten, konnten die Lehr- und Aufsichtspersonen jedoch nicht manches heimliche Rendezvous oder gar Tète á Téte verhindern. Durch gemeinsames Adventsspiel oder Singen wollte die Schulleitung jedoch ein gesteuertes näheres Kennenlernen durchaus fördern. Einige Ehen im Kreise wurden in der Landwirtschaftsschule geschmiedet, um diesen handwerklichen Ausdruck zu nutzen.
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Bild: Schülerinnen des Winterlehrgangs 1958/59

2.4. Die wechselvollen Jahre der Landwirtschaftsschule  1965 - 1996
Ab 1965 gingen die Schülerzahlen allmählich zurück.
Im Jahre 1970 wurde der letzte Winterlehrgang in der Mädchenabteilung verabschiedet. 1971 erfolgte mit der Auflösung der Mädchenklasse die Umbenennung in „Hauswirtschaftliche Abteilung“, um weiterhin die Lehrlings- und Meisterinnenausbildung betreuen und die fachliche Beratung in der ländlichen Hauswirtschaft durchführen zu können.
Die Schließung der Mädchenklasse im Jahre 1971 kann als Vorbote der sich rasant entwickelnden strukturellen Veränderungen in der Landwirtschaft und im ländlichen Raum angesehen werden. Der “Pillenknick“ zu Beginn der 60er Jahre hat auch die Geburtenzahlen in der Landwirtschaft und im ländlichen Raum drastisch verringert. Bäuerliche Familien mit mehr als drei Kindern wurden eine Seltenheit.
Hoferben kleinerer landwirtschaftlicher Betriebe wählten in großer Zahl nach dem allgemeinbildenden Schulabschluss eine andere Ausbildung, da dort bessere Verdienstmöglichkeiten und günstigere Zukunftsperspektiven bestanden.
Die Schülerzahlen in den Landwirtschaftsschulen sanken ständig, und Ende der 60er Jahre musste die Landwirtschaftskammer Westfalen-Lippe manche ihrer Ausbildungsstätten schließen.
Im Vorgriff auf die Kommunal- und Kreisreform des Jahres 1975 wurde bereits 1971 die Landwirtschaftsschule Warburg mit der des Kreises Höxter vereinigt und nach Brakel verlegt. Die Kreisstelle folgte ab 1976.
Die gesamte Leitung von Landwirtschaftschule und Kreisstelle der Landwirtschaftskammer wurde Dr. Albert König übertragen.
Seine Vorgänger hatten noch ausschließlich als Lehrer und Direktor der Schule fungiert: Karl Theodor Roessel war Schulleiter von 1908 bis1932), Heinrich Bracke von 1932 bis 1948, Dr. Alois Brunn von 1948 bis1960 und Alfons Schulze-Schwienhorst von 1960 bis 1965.
Für den Schulversuch der Umstellung der Winterschule auf eine Ganzjahresschule wurde die Landwirtschaftschule in Brakel neben einigen anderen ausgewählt. Deshalb wurde bereits in den Jahren 1967 bis 1969 die Umstellung vorgenommen, bevor ab 1971 diese neue Schulform für ganz Westfalen-Lippe verbindlich wurde.
Die Rationalisierung in den Produktionstechniken der pflanzlichen und tierischen Erzeugung und der darin enthaltene in immer kürzeren Abständen auftretende Fortschritt steigerte das Wissens- und Lernbedürfnis der bildungswilligen erfolgreichen Betriebsleiter. Die Wirtschaftsberatung und die Landwirtschaftschule bemühten sich um moderne Formen der Erwachsenenbildung und propagierten die Meisterausbildung als wichtigen Schritt der persönlichen Weiterbildung und der betriebsspezifischen Spezialisierung.
Ein Teil der Landwirtschaftsschüler, vor allem diejenigen, die zu Hause wegen genügender Arbeitskräfte im elterlichen Betrieb entbehrlich waren, besuchten im Anschluss an die Landwirtschaftsschule die - ebenfalls einjährige-  Höhere Landbauschule  in Soest oder Herford. Die Vorzüge der Höheren Landbauschule als gleichrangige Alternative zur Meisterprüfung wurden überall dort deutlich, wo solche zusätzliche Schulen als weiterführende Fachschulen eingerichtet wurden.
Die verantwortlichen Mitglieder der Kreisstelle mit Kreislandwirt Meinolf Michels, MdB, an der Spitze gemeinsam mit Dr. Albin Lindgen, Direktor der Landwirtschaftsschule von 1978 bis 1981 und Nachfolger von Dr. Albert König (1968 - 1978), bemühten sich seit 1979 um die Einrichtung einer solchen Höheren Landbauschule in Brakel.

2.5. Die Erweiterung zur Höheren Landbauschule 1983 - 1996
Die wieder steigenden Schülerzahlen der letzten zwei Jahre und die Prognose über die Zahl der zu erwartenden Landwirtschaftsschüler in den nächsten fünf Jahren, die anhand der sozioökonomischen Erhebung ermittelt wurden, veranlassten die Landwirtschaftskammer zu dem Beschluss, ab dem Schuljahr 1983/84 eine höhere Landbauschule ins Leben zu rufen. So konnte Dr. Arwed Blomeyer, der Direktor der Landwirtschaftsschule (von 1982 bis 1987), im Jahr des 75-jährigen Jubiläums der Landwirtschaftsschule in Brakel den ersten Jahrgang der Höheren Landbauschule begrüßen.
Mit der Errichtung der Höheren Landbauschule in Brakel wurde eine Schule von überregionaler Bedeutung für den landwirtschaftlichen Nachwuchs geschaffen. Dies galt besonders für den südlichen Kreis Lippe und den Kreis Paderborn. In den 13 Jahren ihres Bestehens (1983 bis 1996) konnten weit über 300 Schüler diese Schule mit dem Abschluss „Staatlich geprüfter Landwirt“ verlassen. Durch eine Zusatzausbildung im Bereich der Berufs- und Arbeitspädagogik erhielten die Schüler gleichzeitig die Ausbildungsberechtigung. Da aber nicht alle Schüler in die elterlichen Betriebe zurück konnten oder wollten und gleichzeitig die Beschäftigung auf dem Sektor der landwirtschaftlichen Berufe schwieriger wurde, gab es auch die Möglichkeit, durch Belegung von Sonderkursen in den Fächern Deutsch, Englisch und Mathematik sowohl die mittlere Reife als auch die Fachhochschulreife in einer externen Prüfung zu erlangen. 60 Schüler haben im Laufe der 13 Jahre von der  Möglichkeit zur Erlangung der Fachhochschulreife Gebrauch gemacht. Der überwiegende Teil der Schüler konnte ein Studium an den Fachhochschulen im Bundesgebiet aufnehmen und sich somit das Rüstzeug für einen außerlandwirtschaftlichen Erwerb sichern.
Anfang der 90er Jahre sanken die Zahlen in der landwirtschaftlichen Ausbildung sowie bei den Schulanfängern deutlich ab. Dadurch hatten viele Schulstandorte nicht mehr genügend Anmeldungen zur Aufrechterhaltung eines ordnungsgemäßen Schulbetriebes. Dies veranlasste die Landwirtschaftskammer Westfalen-Lippe, grundsätzlich über ihr Schulstandortkozept nachzudenken und einen Beschluss dahingehend zu fassen, dass von den ehemals zehn Schulstandorten in Westfalen-Lippe  nur noch die Schulstandorte Münster, Borken, Meschede und Herford in Zukunft bestehen bleiben. Dies machte zwangsläufig einen ortsnahen Schulbesuch für die zukünftigen landwirtschaftlichen Betriebsleiter schwierig.
Mit dem erfolgreichen Abschluss des HöLa-Lehrganges 1995/96 konnte Dr. Joseph Lammers - Direktor der Landwirtschaftsschule und Höheren Landbauschule seit 1987 - den letzten Jahrgang mit 12 Schülern in die landwirtschaftliche Berufspraxis verabschieden. Damit ging gleichzeitig eine 111 jährige Tradition der landwirtschaftlichen Bildungseinrichtungen im heutigen Großkreis Höxter (vormals Altkreis Höxter und Altkreis Warburg) zu Ende.

3. Der Verein ehemaliger Landwirtschaftschüler und seine Nachfolgeorganisationen als Bindeglied der Schule zur Berufs- und Lebenspraxis

3.1 Verein ehemaliger Landwirtschaftschüler 1910 - 1933
Der Verein wurde von dem ersten Direktor der Landwirtschaftschule Karl Theodor Roessel schon am Ende des ersten Winterschullehrgangs 1910 ins Leben gerufen. Als Vorsitzender bis 1914 fungierte Landwirt Hermann Weskamp aus Herste. Noch vor dem 1. Weltkrieg übernahm Johannes Roland aus Brakel die Leitung des Vereins, die er bis zu seiner zwangsweisen Auflösung 1933 innehatte. Die Resonanz auf die vom Verein angebotenen Veranstaltungen geselliger und fachlicher Art ließ anfangs sehr zu wünschen übrig, wie aus den damaligen Vereinsprotokollen zu entnehmen ist.
Auf der Generalversammlung 1923 wurde der Beitritt zum Landesverband beschlossen. Bei diesem Beschluss waren 40 Mitglieder im „Preußischen Hof“ anwesend. Es wurde ein Jahresbeitrag von 1,20 RM erhoben, von dem 0,20 RM an den Landesverband abzuführen waren.
In der 2. Hälfte der zwanziger Jahre nahm das Interesse der Mitglieder an den Veranstaltungen deutlich zu. Die DLG-Ausstellung in Dortmund 1927 besuchten 25 Vereinsmitglieder. Nach dem Protokoll war es eine fröhliche Bahnfahr t. Wer nicht bei Verwandten oder Bekannten unterkam, schlief im Massenquartier des Magerviehhofes in Dortmund.
In den Versammlungen des Jahres1929 wurde besonders für die Neuansiedlung in Schlesien geworben. Als W. Knüdeler, Brakel, über seinen 2-jährigen Aufenthalt in Kanada berichtete, kam es zu einer langen Diskussion, ob man nach Übersee auswandern oder besser im Osten siedeln sollte.
In besonderer Erinnerung ist der Landesverbandstag im Dezember 1931 in Soest geblieben. Es nahmen 32 Schüler- und 7 Schülerinnenvereine daran teil. Es sprach Prof. Beckmann über die „Weltagrarkrise und Aussichten der deutschen Landwirtschaft“. Wie sich die Wirtschaftslage auch im Vereinsleben widerspiegelt, ist daran zu erkennen, dass ein Antrag gestellt wurde, das Winterfest ausfallen zu lassen.
Die Lehrfahrten erfreuten sich damals schon großer Beliebtheit. Am 5. Juni 1932 fand eine Besichtigungsfahrt in den Kreis Warburg mit 40 Personen statt. Ziel waren die Pferdezucht auf Gut Alfredshöhe, Düngungs- und Sortenversuche auf Gut Rothehaus sowie bei Hanfland in Daseburg. Auch die Landwirtschaftsschule Warburg stand auf dem Programm, bevor es zum gemütlichen Teil an den Edersee ging.
Am 21. Mai 1933 fuhren die Landwirte mit dem Fahrrad bei schönem Wetter zur Bezirksversammlung nach Marienmünster. Hauptthema waren die Maßnahmen der neuen Reichsregierung, „die erfreulicherweise eine allgemeine Besserung bringen dürfte“, so das Protokoll.
Im Herbst 1933 musste der Verein ehemaliger Landwirtschaftsschüler auf Kreis-, Bezirks- und Landesebene seine Tätigkeit aus politischen Gründen einstellen.

3.2 Die Wiederaufnahme des Vereinslebens 1947 - 1971
Am 15. Juni 1947 erfolgte die offizielle Wiederbelebung des Vereins. Unter der Wahlleitung des letzten Vorsitzenden Johannes Roland wurden gewählt  als Vorsitzender  Franz Lohmann, Hembsen, Stellvertreter Paul Elsing, Vörden,  Schriftführer Georg Böger, Brakel, und Kassierer Karl Gehle, Brakel. Die ehemaligen Schülerinnen der seit 1931 bestehenden Hauswirtschaftsklassen wurden ebenfalls aufgenommen. Der Vorstand wurde um Therese Gogrewe und Vroni Eilbrecht erweitert.
In den Nachkriegsjahren standen die jährlichen gesellschaftlichen Veranstaltungen im Vordergrund. Die fachliche Weiterbildung nahm mit dem Wechsel des Vorstandes im Jahre 1951 wieder breiteren Raum ein. Mit Bruno Johlen und Therese Gogrewe als Vorsitzenden, Heinrich Ahlemeyer, Brakel, und Vroni Eilbrecht, Bredenborn, als ihre Stellvertreter sowie Josef Groppe aus Bökendorf als Schriftführer wurde die Weiterbildung intensiviert. Der Vorstand traf sich jeden letzten Freitag im Monat zu einem Rundgespräch. Im Jahre 1966 wurde der „Grüne Zirkel“ gegründet. Seine Aufgabe sollte sein, die neuesten Entwicklungen der Wissenschaft möglichst schnell für die landwirtschaftliche Praxis umsetzbar zu machen. Zu den Generalversammlungen wurden herausragende Referenten verpflichtet, um die heimischen Landwirte sehr früh mit den aktuellen agrarpolitischen und fachlichen Veränderungen bekannt zu machen.

3.3 Die neuen Ziele des Verbandes und der Vereine ab 1971
Der Wunsch nach Informationen und Fortbildung führte im Jahre 1971 zur Umbenennung des Ehemaligenvereins in “Verband landwirtschaftlicher Fachschulabsolventen Westfalen-Lippe - Organisation für Fortbildung in der Landwirtschaft“. Die Umbenennung erfolgte mit dem Ziel, die Weiterbildungsmaßnahmen aus den Fördertöpfen des Bundes nach dem Berufsbildungsgesetz bezuschusst zu bekommen. Auch die Vereine auf Kreis- und Schulebene vollzogen die Umbenennung.
Nach nahezu 30-jähriger Tätigkeit traten Bruno Johlen und seine Mitstreiter von ihrer Vorstandstätigkeit zurück. Es fand ein Generationswechsel statt. Der Vorstand wurde auf 13 Personen erweitert. Als neuer Vorsitzender wurden 1980 Heinrich Ostmeyer, Amelunxen, und als seine Stellvertreter Gudrun Meyer, Bredenborn, und Paul Wintermeyer, Siddessen, gewählt. Bruno Johlen wurde zum Ehrenvorsitzenden ernannt.
Geschäftsführer des VlF Brakel ist seit 1981 Dr. Friedhelm Poeschel.
Durch die Schaffung der Arbeitskreise für Milchviehhaltung, Schweinehaltung und Ackerbau im Jahre 1981 wurde ein Konzept entwickelt, dass nun über nahezu 30 Jahre Bestand hat. Die Arbeitskreise wurden 1989 durch den „Arbeitskreis Junger Landwirte“ ergänzt.
Unter dem Vorsitz von Heinrich Ostmeyer nahm das Konzept praktische Formen an und erfreute sich zunehmender Beliebtheit. Dies galt auch für die Fachexkursionen, von denen die im Jahre 1990 – nach dem Mauerfall – in die damalige LPG Samtens auf Rügen für alle Teilnehmer besonders beeindruckend war.
Im Jahre 1995 gab Heinrich Ostmeyer den Vorsitz des Vereins an Heribert Vogt, Istrup, ab, der zusammen mit Hilde Wiechers-Wenta den Verein führte. Letztere führte die Vereinsgeschicke gemeinsam mit dem neu gewählten Vereinsvorsitzenden Heribert Vogt weiter. Bereits zu dieser Zeit – seit Dezember 1989 - war Jürgen Heinemann stellvertretender Vereinsvorsitzender und die rechte Hand des 1995 gewählten Vorsitzenden Heribert Vogt. Seit 1996 ist Heinrich Ostmeyer Ehrenvorsitzender des Vereins.
Noch unter der Leitung von Heribert Vogt fand in der Brakeler Stadthalle der Landesverbandstag im Sommer 2003 des VLF Westfalen-Lippe mit 160 Teilnehmern und Teilnehmerinnen statt. Das Presseecho würdigte ihn als einen der best besuchten Landesverbandstage des VLF.
Seit 2003 steht Jürgen Heinemann, Bad Driburg, gemeinsam mit Brigitte Fehring und Michael Waldeyer an der Spitze des Vereins. Sie haben das Konzept der Arbeitskreise konsolidiert und die Kooperation mit den übrigen landwirtschaftlichen Vereinen im Kreis Höxter, vor allem der Kreistierzüchtervereinigung und dem Saatbauverein im Hochstift, vertieft. Diese Kooperation kommt in dem gemeinsamen Internet-Auftritt zum Ausdruck, den Ralf Franzen, Brakel, mit großem Engagement pflegt.
In diesem Winterhalbjahr wurden bereits bis zur Jahreswende 3 Fachtagungen im Bereich Milchvieh- und Schweinehaltung durchgeführt.
Die fachliche Diskussion nach den einführenden Vorträgen dient nicht nur dem Erfahrungsaustausch, sondern schult auch die jungen und älteren Landwirte, als Unternehmer in der Öffentlichkeit ihre Anliegen frei und präzise vorzutragen. Dies ist in einer Zeit umso wichtiger, in der die Landwirtschaft auf Grund ihres abnehmenden Anteils an der Bevölkerung immer weniger Berücksichtigung ihrer Belange findet. Seit Bestehen der Arbeitskreise haben sich in 190 Veranstaltungen 6321 Teilnehmer getroffen.
Der fachlichen Weiterbildung, gepaart mit kulturellen Aspekten, dienen die auch über etliche Jahrzehnte durchgeführten 4- oder 5-tägigen Sommerfahrten mit Zielen in anderen deutschen Regionen oder im angrenzenden europäischen Ausland. Ziel der Sommerfahrt 2009 waren die Inseln Usedom und Wollin von Peenemünde bis Swinemünde. Von 1981 bis 2009 wurden 29 Studienfahrten mit ca. 1160 Teilnehmern unternommen.
Für 2010 hat der Verein seine Sommerfahrt nach Sachsen mit den Zielen Freiberg, Dresden und Meissen festgelegt.
Neben der alljährlichen mehrtägigen Sommerfahrt findet eine eintägige Frühlingsfahrt statt. Im Jahre 2009 waren Ziele der Tagesfahrt das nordrhein-westfälische Landgestüt Warendorf und die NATURLAND-Marktgenossenschaft Lippborg, Kreis Soest.

Dem Verein ist noch auf lange Zeit ein reges Vereinsleben einerseits zum Wohle der fachlichen Weiterbildung aber auch als gesellschaftliches Bindeglied des Berufsstandes und als sichtbares Zeichen bäuerlicher Solidarität zu wünschen.

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